Kann Hyaluronsäure die Haut reizen? Was Ihnen (fast) niemand sagt

9. April 2026 durch
Kann Hyaluronsäure die Haut reizen? Was Ihnen (fast) niemand sagt
LASART S.R.L.

Von allen Inhaltsstoffen in Kosmetika wirkt Hyaluronsäure am unscheinbarsten. Sie ist von Geburt an natürlich in unserer Haut vorhanden, biologisch abbaubar und wird zudem täglich von unserem Körper produziert. Jahrelang galt sie als universell sicherer Inhaltsstoff, geeignet für alle Hauttypen, selbst für sehr empfindliche Haut.


Doch die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahre hat ein Paradoxon aufgezeigt, das kaum eine Marke ihren Kunden vermittelt: Bestimmte Fraktionen der Hyaluronsäure – insbesondere die kleinsten, die am tiefsten eindringen – können dieselben biologischen Mechanismen aktivieren, die die Haut zur Signalisierung von Gewebeschäden nutzt. Vereinfacht gesagt: Sie können ein Entzündungssignal imitieren.


Wie ist das möglich? Die Antwort liegt in einem Wort: Molekulargewicht.


Was ist Hyaluronsäure?​


Hyaluronsäure (HA) ist ein lineares Glykosaminoglykan, das natürlicherweise in der extrazellulären Matrix der Haut vorkommt. Ihre Hauptfunktionen sind dreifach: Aufrechterhaltung der Gewebefeuchtigkeit, Unterstützung der Wundheilung und Modulation der Entzündungsreaktion. Sie ist kein „fremder“ Bestandteil des Körpers, sondern ein integraler Bestandteil der Hautstruktur mit einem natürlichen Erneuerungsprozess von etwa 24 Stunden.


Die biologische Komplexität von HA liegt darin, dass sein Verhalten nicht von der Molekülstruktur selbst, sondern von der Molekülgröße abhängt. Dieselbe Substanz interagiert bei unterschiedlichen Molekulargewichten mit verschiedenen Rezeptoren und ruft gegensätzliche Effekte hervor.


→ Eine vollständige Anleitung zur Struktur und den Eigenschaften von Hyaluronsäure finden Sie hier: Hyaluronsäure: Ein umfassender Leitfaden



Das Molekulargewicht verändert alles – drei Moleküle, drei Verhaltensweisen


Grundsätzlich gibt es drei Kategorien von Hyaluronsäure auf dem Markt, die sich in ihren Eigenschaften stark unterscheiden.


Hautpenetrationsmuster von Hyaluronsäure basierend auf dem Molekulargewicht: hochmolekular, niedrigmolekular und Oligomere

Hyaluronsäure
>1000 kDa Dringt nicht in das Stratum corneum ein → Oberflächenwirkung

Hyaluronsäure
< 10 kDa erreicht die Dermis → klinisch sicher

Hyaluronsäure
Partikel mit einer Größe von über 20–300 kDa durchdringen die Epidermis → TLR4-Risiko



Hohes Molekulargewicht > 1000 kDa

Niedriges Molekulargewicht 10-200 kDa

Oligomere 
< 10 kDa

Penetration

Nur Hautoberfläche

Epidermis, Stratum corneum

Bis zur Dermis

Produktionsmethode

Native bakterielle Fermentation

Chemische oder enzymatische Hydrolyse

Präzisionsfermentation

Entzündliche Wirkung

Neutral / entzündungshemmend​

Potenziell entzündungsfördernd

Neutral / entzündungshemmend​

Flüssigkeitszufuhr

Oberflächlicher, sofortiger Glättungseffekt

Mittlere Tiefe

Tief

Diese Unterscheidung ist nicht theoretischer Natur: Raman-spektroskopische Untersuchungen an menschlichen Hautexplantaten haben gezeigt, dass hochmolekulares HA nicht in das Stratum corneum eindringt, während Moleküle zwischen 100 und 300 kDa die Epidermis durchdringen und solche unter 50 kDa die tieferen Hautschichten erreichen. Oligomere unter 10 kDa wurden auch in der Dermis nachgewiesen.



Das biologische Paradoxon – Wenn der „nützliche“ Inhaltsstoff zum Problem wird


Dies ist der Kernpunkt des Artikels und verdient eine detaillierte Erklärung.


In gesunder, intakter Haut ist endogene hochmolekulare Hyaluronsäure im Vergleich zu Rezeptoren des Immunsystems biologisch inert. Sie erfüllt lediglich ihre strukturelle Funktion, ohne zelluläre Reaktionen auszulösen.


Wird Gewebe jedoch geschädigt – beispielsweise durch ein Trauma, eine Verbrennung, UV-Strahlung oder Laserbehandlung – geschieht etwas Spezifisches: Enzyme am Verletzungsort (Hyaluronidase, freie Sauerstoffradikale) bauen das native, hochmolekulare HA ab und spalten es in kleinere Fragmente. Diese Fragmente wirken als endogene Gefahrensignale, sogenannte DAMPs (Damage-Associated Molecular Patterns): Sie binden an den TLR4-Rezeptor auf Keratinozyten und Makrophagen und aktivieren so die Entzündungsreaktion.


Es handelt sich um einen physiologischen und intelligenten Abwehrmechanismus: Der Körper nutzt Fragmente seines eigenen Gewebes als Alarmsignal. Das Problem entsteht, wenn niedermolekulare Hyaluronsäure äußerlich, beispielsweise durch ein Kosmetikum, auf bereits sensibilisierte oder geschädigte Haut aufgetragen wird.


In diesem Fall kann genau dasselbe passieren: Die kleinen Moleküle dringen in die Haut ein, erreichen die TLR4-Rezeptoren und lösen eine Entzündungsreaktion aus, die keine Allergie ist – sie wird nicht durch IgE vermittelt, sie ist mit einem klassischen Patch-Test nicht vorhersagbar – sondern es handelt sich um eine stille angeborene Immunantwort.


Die wissenschaftliche Literatur liefert eindeutige Daten: Hyaluronsäurefraktionen mit einem Molekulargewicht von 20 kDa oder weniger erhöhen die Expression von TNF-α, einem der wichtigsten proinflammatorischen Zytokine, signifikant. Aufgrund dieser Erkenntnisse empfehlen Forscher, die topische Anwendung dieser Fraktionen auf empfindlicher Haut zu vermeiden.



Das Problem der Produktionsmethode


Es ist entscheidend zu verstehen, wie niedermolekulare Hyaluronsäure hergestellt wird, da nicht alle niedermolekularen Hyaluronsäuren gleich sind.


Chemische oder enzymatische Hydrolyse​. Das traditionelle Verfahren beginnt mit hochmolekularer Hyaluronsäure - gewonnen durch bakterielle Fermentation – und spaltet diese durch chemische Reaktionen oder Enzyme in kleinere Moleküle auf. Das Ergebnis ist ein Gemisch aus Fragmenten unterschiedlicher Größe, das sich nur schwer präzise kontrollieren lässt. Dieser Prozess führt zwangsläufig zu einem variablen Molekulargewichtsbereich und potenziell zu Fragmentierungsnebenprodukten.


Präzisionsfermentation. Eine neuere Technologie nutzt gentechnisch veränderte Mikroorganismen - typischerweise Hefen (Saccharomyces cerevisiae) -, die so programmiert sind, dass sie Hyaluronsäuremoleküle der gewünschten Größe direkt synthetisieren und so den Abbau größerer Ketten umgehen. Das Ergebnis ist ein homogenes Molekül mit kontrolliertem Molekulargewicht, frei von Fragmentierungsprodukten.


Der praktische Unterschied ist bedeutend: Klinische Studien mit einem durch Präzisionsfermentation hergestellten 3 kDa-Oligomer haben gezeigt, dass dieses Molekül - trotz Penetration der lebenden Epidermis - weder unter normalen Bedingungen noch unter Hautstress die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-1β oder IL-1α induziert. Sicherheitstests schlossen zudem sensibilisierende, mutagene und genotoxische Wirkungen aus.


Dies löst scheinbar das Paradoxon auf: Ein kleines, tief eindringendes Molekül kann sicher sein – vorausgesetzt, es wird mit einer Methode hergestellt, die Reinheit und molekulare Einheitlichkeit ohne die für die Hydrolyse typischen unregelmäßigen Fragmente gewährleistet.



Empfindliche Haut und eine geschwächte Hautbarriere: Wenn das Risiko steigt


Bei intakter Hautbarriere ist das Risiko einer HA durch Hydrolyse begrenzt: Das Stratum corneum fungiert als physikalischer Filter und verlangsamt das Eindringen größerer Moleküle.


Die Situation ändert sich radikal, wenn die Barriere beschädigt oder vorübergehend beeinträchtigt ist. Dies tritt bei vielen häufigen Erkrankungen auf:


  • Chronisch reaktive Haut - Rosacea, seborrhoische Dermatitis, Couperose
  • Nach ästhetischen Behandlungen - fraktionierte Laserbehandlung, intensives gepulstes Licht (IPL), Photorejuvenation, chemische Peelings
  • Sonnenbrand - auch mäßig
  • Trockene Haut mit Rissen in der Hornschicht
  • Kontaktdermatitis oder atopische Dermatitis in der akuten Phase


Unter diesen Bedingungen verliert die Hautbarriere ihre selektive Fähigkeit: Jedes Molekül dringt schneller ein und erreicht tiefere Hautschichten als üblich. In diesem Zusammenhang kommt hydrolysiertes niedermolekulares HA in direkten Kontakt mit den TLR4-Rezeptoren in der Dermis - und zwar in Konzentrationen und Geschwindigkeiten, die unter normalen Bedingungen nicht auftreten würden.


Das letzte Paradoxon ist bitter: Diejenigen, die am dringendsten ein reparierendes und feuchtigkeitsspendendes Kosmetikum benötigen - weil ihre Haut entzündet, trocken und im Heilungsprozess ist - sind auch diejenigen, die am stärksten durch die falsche Wahl von Hyaluronsäure gefährdet sind.


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Wie man das Etikett richtig liest - ein praktischer Leitfaden


Das praktische Problem besteht darin, dass die Angabe des Molekulargewichts von Hyaluronsäure auf Etiketten gemäß den europäischen Kosmetikvorschriften nicht vorgeschrieben ist. Die INCI-Bezeichnung („Hyaluronsäure“ oder „Natriumhyaluronat“) gibt keinen Hinweis auf die Molekülgröße.

So lesen Sie das INCI-Etikett eines Kosmetikprodukts, um die Form der Hyaluronsäure zu bestimmen: Natriumhyaluronat vs. hydrolysiertes Natriumhyaluronat


Einige nützliche Schilder, die Ihnen den Weg weisen:


Sodium Hyaluronate


Das Natriumsalz der Hyaluronsäure. Es kann ein hohes oder niedriges Molekulargewicht aufweisen. Ohne weitere Angaben handelt es sich häufig um ein hochmolekulares Hyaluronsäure-Ion (HAI) aus klassischer Fermentation.

Hydrolyzed Sodium Hyaluronate

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Molekül durch Hydrolyse gewonnen wurde und daher ein niedriges Molekulargewicht aufweist. Bei empfindlicher oder sich erholender Haut ist Vorsicht geboten.

Sodium Hyaluronate Crosspolymer

Chemisch vernetztes HA. Hybridform mit spezifischen Eigenschaften, die hauptsächlich zur Volumenvergrößerung eingesetzt wird.


Fehlende Anzeigen auf der MW → Grundsätzlich gilt: Je transparenter eine Marke hinsichtlich der verwendeten HA-Art und des Herstellungsprozesses ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie fundierte Entscheidungen getroffen hat. Achten Sie auf entsprechende Informationen auf den Produktseiten oder im Abschnitt „Inhaltsstoffe“.


Praxisempfehlung:

  • Normale Haut, intakte Hautbarriere: Hydrolysiertes HA ist im Allgemeinen gut verträglich und bietet eine gute Penetration.
  • Empfindliche, reaktive Haut, die sich nach der Behandlung erholt: Bevorzugen Sie Formulierungen, die hochmolekulare oder präzise fermentierte Oligomere deklarieren, und vermeiden Sie ausdrücklich niedermolekulare hydrolysierte Fraktionen.



Häufig gestellte Fragen​



Abschluss


Hyaluronsäure zählt nach wie vor zu den wirksamsten und vielseitigsten Inhaltsstoffen moderner Kosmetik. Doch „Hyaluronsäure“ ist keine einheitliche Substanz, sondern eine Familie von Molekülen mit grundverschiedenen biologischen Eigenschaften. Größe, Herstellungsverfahren und der Zustand der Haut, auf die sie aufgetragen wird, spielen eine Rolle.


Für Menschen mit perfekt ausgeglichener Haut sind die meisten Produkte auf dem Markt geeignet. Doch für diejenigen, deren Haut empfindlich ist - beispielsweise nach einer kosmetischen Behandlung, mit geschwächter Hautbarriere oder mit reaktiver Haut - kann das Wissen um diese Unterschiede entscheidend sein, um ein Produkt zu finden, das hilft oder die Situation verschlimmert.


Die Kenntnis der Inhaltsstoffe ist die erste Voraussetzung für eine fundierte Entscheidung.


Hyaluronsäure: Ein vollständiger Leitfaden zum Inhaltsstoff

Rötungen nach der Laserhaarentfernung: Ursachen und Behandlungsmöglichkeite](

Sonnenbrand: Was tun und wie behandeln



Wissenschaftliche Referenzen


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  3. Gariboldi S., Palazzo M., Zanobbio L. et al. Low Molecular Weight Hyaluronic Acid Increases the Self-Defense of Skin Epithelium by Induction of β-Defensin 2 via TLR2 and TLR4. The Journal of Immunology. 2008;181(3):2103–2110.
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  5. Essendoubi M., Gobinet C., Reynaud R. et al. Human skin penetration of hyaluronic acid of different molecular weights as probed by Raman spectroscopy. Skin Research and Technology. 2016;22(1):55–62.
  6. McKee C.M., Penno M.B., Cowman M. et al. Hyaluronan (HA) fragments induce chemokine gene expression in alveolar macrophages. Journal of Clinical Investigation. 1996;98(10):2403–2413.
  7. Campo G.M., Avenoso A., Campo S. et al. Molecular size hyaluronan differently modulates toll-like receptor-4 in LPS-induced inflammation in mouse chondrocytes. Biochimie. 2010;92(2):204–215.
  8. Update on Low-Molecular Weight Hyaluronic Acid in Dermatology: A Scoping Review. European Medical Journal Dermatology. Published March 27, 2025.
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